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Abgedruckt in: Miteinander. Gemeindebrief der Evangelischen Kirchengemeinde Niederweidbach, Nr. 53, Dez. 2008 - Feb. 2009, 16-19.

Höchstwahrscheinlich wurden vor 475 Jahren die Dörfer Niederweidbach, Oberweidbach und Rossbach als eigene Kirchengemeinde von der Kirchengemeinde Altenkirchen abgetrennt. Damit haben wir in diesem Jahr 2008 ein sehr großes Jubiläum in unserer Gemeinde.

Es ist freilich umstritten, wann Niederweidbach, Oberweidbach und Rossbach eine eigene Kirchengemeinde wurden, in der Literatur werden dafür die Jahre 1498, 1533 und 1620 genannt. Aber das Jahr 1533 ist das wahrscheinlichste. Dafür sprechen mehrere Überlegungen:

1498 kommt eigentlich nicht in Frage: Das Jahr 1498 vermutet Pfarrer Diefenbach in der von ihm angelegten Ortschronik, die sich im Archiv der Kirchengemeinde befindet. Er schreibt: „Wann Nieder-Weidbach mit den Filialen von Altenkirchen getrennt und zu einer eigenen Pfarrei gebildet worden ist, kann nicht mit Sicherheit angegeben werden, weil darüber keine Urkunde vorliegt. Wahrscheinlich ists um das Jahr 1498 geschehen, weil in diesen Jahren nach einer über der Kirch-thüre befindlichen Jahreszahl die Kirche erbaut worden zu sein scheint.„ Der Bau einer Kirche ist jedoch kein hinreichender Grund für die Selbständigwerdung einer Kirchengemeinde. Gemeinhin wird angenommen, dass die Verstorbenen aus Oberweidbach und Rossbach seit 1498 in Niederweidbach beigesetzt wurden auf dem neuen Friedhof rund um die neue Kirche. Aus den Sendgerichtsprotokollen wissen wir jedoch, dass bis ca. 1520 an der Marienkirche gebaut wurde und dass 1529 ein Friedhof in Rossbach bestand (Struck, Sendgerichtsbarkeit, 120).

Für das Jahr 1533 spricht, dass Niederweidbach in diesem Jahr einen lutherischen Pfarrer erhielt. Diefenbach schreibt in der genannten Ortschronik: „Nach einem im älteren Saalbuch stehenden Pfarrer-Verzeichniß hat das Kirchspiel Nieder-Weidbach nach Einführung der Reformation eigene Pfarrer und der erste lutherische Pfarrer hat im Jahre 1533 seinen Dienst in Nieder-Weidbach angetreten.„ Ein evangelischer Pfarrer 1533 in Niederweidbach ist bedeutsam, da die Reformation in Altenkirchen erst 1570 eingeführt wurde. Mit Einführung der Reformation 1533 koppelte sich Niederweidbach sozusagen von Altenkirchen ab und bekam einen eigenen Pfarrer für die Gemeinde und die evangelische Marienkirche. Vor 1526 wäre so etwas undenkbar gewesen, denn erst durch den Reichstagsabschied von Speyer am 27. August 1526 entstand ein landesherrliches Kirchenrecht und ein landesherrliches Kirchenregiment im modernen Sinne. Vorher hätte die Selbständigwerdung der Kirchengemeinde Niederweidbach nach dem mittelalterlichen Patronatsrecht geschehen müssen.

Niederweidbach wird 1548 als Pfarrei bezeichnet (vgl. Gebauer, Kirchenorganisation, 123), spätestens zu diesem Zeitpunkt ist Niederweidbach mit Oberweidbach und Rossbach wohl von Altenkirchen abgetrennt. Dieser Hinweis ist bedeutsam, denn in der Zeit von 1544 bis 1562 herrschte ein Gegner der Reformation nahe Niederweidbach. Graf Reinhard von Solms-Lich, der von 1544 bis 1562 regierte, war ein scharfer Gegner der Reformation und des Landgrafen Philipp von Hessen. Nach der Niederlage von Philipp von Hessen im Schmalkaldischen Krieg 1546/1547 beauftragte ihn der Kaiser mit der Schleifung aller landgräflichen Burgen und Festungen in Hessen und der Zerstörung und Vernichtung alles hessischen Kriegsmaterials. Dies führte er gründlich durch. Dazu gehörte auch die Zerstörung der Burgen in Königsberg und Gießen (vgl. Kloos, Quellgebiet I, 58f). Niederweidbach war und blieb aber wohl auch in dieser Zeit eine lutherische Kirchengemeinde.

Aber nach der Selbständigwerdung der Gemeinde waren wohl noch einige Rechte bei der Mutterkirche Altenkirchen geblieben. So kommt es, dass es 1620, zu Beginn des 30jährigen Krieges, zu Irritationen und Sticheleien – ein evangelischer Pfarrer bezeichnet einen anderen evangelischen Pfarrer 100 Jahre nach der Reformation als seinen katholischen Kaplan – zwischen Niederweidbach und Altenkirchen kam. Kloos schildert den Vorfall so: „In einer Eingabe vom 2. März 1620 (Altenkirchener Sterberegister und Urkunde im Archiv Lich) beklagt sich noch der Pfarrer Reissius von Niederweidbach bei „den fürstl. hessischen und gräflich Sölmsischen Superintendenten, Räthen und Befehlshabern„ darüber, daß der Altenkirchener Pfarrer Ehr Johan Henzelius bei einer Hochzeitsfeier in Ludwig Rückers Haus zu Altenkirchen ihn (den Pfarrer von Niederweidbach) als seinen (des Pfarrers von Altenkirchen) Kaplan bezeichnet habe. Zu seiner Rechtfertigung begründet der Altenkirchener Pfarrer die Behauptung damit, daß der Pfarrer von Niederweidbach keine Register führe, die Pfarrgüter Niederweidbachs mit denjenigen Altenkirchens zusammen verwaltet und genutzt würden und von des Niederweidbachers Pfarrers Einkommen alle Jahre 3 Gulden an die Pfarr Altenkirchen zu entrichten seien.„ (Kloos, Quellgebiet I, 38).

Kloos fügt hinzu, dass nach Auskunft des Archivs des Marienstifts in Wetzlar 1620 die endgültige Trennung der Niederweidbacher Pfarrei von Altenkirchen erfolgte. Diese Aussage erstaunt, da das Marienstift spätestens seit 1531 für Niederweidbach nicht mehr zuständig war, weil Niederweidbach seitdem kirchlich zu Marburg und Gießen gehörte. Bei den Sticheleien 1620 standen sich zwei selbständige Kirchengemeinden gegenüber, die durch alte Rechte noch verbunden waren. Möglicherweise wurden aber durch diesen Vorgang die letzten verbliebenen Rechte aufgehoben. Wenn man davon ausginge, dass Niederweidbach und Altenkirchen zu diesem Zeitpunkt noch zwei Bezirke einer Kirchengemeinde gewesen wären, wäre es nur sehr schwer zu erklären, wieso ein Bezirk die Reformation 1533 einführt hat und der andere 1570.

Die Selbständigwerdung der Evangelischen Kirchengemeinde Niederweidbach und die Ablösung von Altenkirchen 1533 geschah sieben Jahre nach der Einführung der Reformation in der Landgrafschaft Hessen (1526), drei Jahre nach der Confessio Augustana (1530) und zwei Jahre nach der Zuordnung unserer Dörfer zu der Superintendentur Marburg. Die Selbständigwerdung 1533 zeigt, dass die drei Dörfer kirchlich aus dem solmsischen in den hessischen Einflussbereich übergegangen waren. Die Einführung der Reformation konnte von Ort zu Ort verschieden sein, Gladenbach wurde erst 1537 evangelisch.

Literatur:
Gebauer
, Norbert: Die mittelalterliche Kirchenorganisation. In: 700 Jahre Bischoffen. 1299-1999. Aus der Geschichte unseres Dorfes, 1999, 119-124.
Kloos, Hermann: Im Quellgebiet der Aar. Unsere engere Heimat einst und jetzt. I. Band. Niederweidbach, 1967.
Struck, Wolf-Heino: Die Sendgerichtsbarkeit am Ausgang des Mittelalters nach den Registern des Archipresbyterats Wetzlar. Ein Beitrag zur Geschichte der sittlichen Zustände und des kirchlichen Lebens am Vorabend der Reformation. In: Nassauische Annalen 82 (1971), 104-145.

Frank Rudolph