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Predigt am Reformationstag 2006 in der Evangelischen Marienkirche Niederweidbach.


Heute am Reformationstag stelle ich ihnen Johannes Calvin vor.

Johannes Calvin gehört mit Martin Luther und Huldrich Zwingli zu den drei großen Reformatoren. Martin Luther war Deutscher, mit ihm begann die Reformation 1517 in Wittenberg. Die beiden anderen konnten an seine Erkenntnisse anknüpfen. Huldrich Zwingli war Schweitzer und wirkte in Zürich. Johannes Calvin war Franzose, er wirkte aber hauptsächlich im deutschen Straßburg und im schweizerischen Genf. Calvin war wohl der einflussreichste Reformator der zweiten Generation.

Neben diesen drei großen Reformatoren gab es viele weitere Reformatoren, die in den Städten und Regionen den Wechsel vom katholischen zum evangelischen Bekenntnis durchführten. Für uns hier wurde Adam Krafft wichtig, der in Marburg wirkte. In Weilburg war Caspar Goltwurm, in Wetzlar Antonius Wedensis – oder wahrscheinlicher – Johann Diemer.

Alle drei der großen Reformatoren erlebten eine Wende vom katholischen zum evangelischen Bekenntnis und bauten dann eine evangelische Gemeinde auf. Dazu war es nötig, das Kirchenrecht, die Kirchenordnung und den Gottesdienst zu reformieren bzw. zu entwickeln. Dies geschah jeweils unter großen Kämpfen und mit viel Widerstand – verständlich, wenn das Altbekannte, Altgediente und Vertraute etwas ganz Neuem, Fremden Platz machen soll.

Alle drei der großen Reformatoren kritisierten das Alte, ohne das Neue zu kennen. Sie verließen eine alte, vertraute Tradition, ohne eine neue bereits zu haben. Sie waren Verfolgungen, Anfeindungen, persönlichen Bedrohungen ausgesetzt. Ihnen ging es darum, allein Jesus Christus, allein die Bibel, allein die Gnade Gottes in den Mittelpunkt zu stellen. „Komm zu Christus und vertrau dich ihm an im Leben und im Sterben“, das war ihre Botschaft. Alle drei Reformatoren waren Bibelausleger und Prediger, Wissenschaftler und Seelsorger.

Johannes Calvin lebte also in Frankreich, das bis heute ein katholisches Land ist.
Er wurde am 10. Juli 1509 in Noyon geboren. Sein Vater stand in kirchlichen Diensten, er war Notar, Generalprokurator und Sachwalter des bischöflichen Kapitels in Noyon. Wegen Opposition und Konflikten wurde der Vater jedoch 1528 gebannt und starb 1531. Calvin ging in Noyon auf die Schule und studierte in Paris, Orleans und Bourges. Er hatte Pfründe in Noyon. Zu dem Grundstudium gehörte damals eine Einführung in die Theologie.

Ab 1528 studierte Calvin die Rechte, Jura. Das Pariser Gelehrtenmilieu war damals protestantisch gesinnt. Calvin hatte Kontakt mit zwei Personen, die evangelisch gesinnt waren. Sein Verwandter Petrus Robert Olivetan leitete ihn an, die Heilige Schrift zu studieren. In Bourges lernte er bei dem Deutschen Melchior Volmar die griechische Sprache und Philosophie. Manche meinen, Calvin habe bereits in dieser Zeit um 1528 eine Wende vom katholischen zum evangelischen Bekenntnis vollzogen. Seine Briefe und Schriften aus der Zeit bis 1533 enthalten jedoch keine evangelischen oder reformatorischen Gedanken. 1534 promovierte er zum Doktor der Rechte.

Im Zeitraum 1533/1534 hat sich Johannes Calvin sich dann vollkommen dem evangelischen Bekenntnis zugewandt. Er selbst hat diese Wende als eine „Bekehrung“ gesehen, wie die des Paulus vom Christenverfolger zum christlichen Theologen. Am 4. Mai 1534 verzichtete er auf seine Pfründe in Noyon. Er kannte also seit 1528 den evangelischen Glauben, ab 1534 bekannte er sich zu ihm. Das neue Bekenntnis hat er wohl erst nach langem Überlegen – wohl auch nach Zögern – angenommen.

1534 musste Calvin aus Paris fliehen. Sein Freund Cop hält an Allerheiligen 1533 eine Rektoratsrede, die mit alten Vorstellungen brach. Cop und Calvin flohen. Möglicherweise hat er erst einmal unter einem Decknamen weiter in Paris gewohnt. Dann floh er aus Paris und war nacheinander kurz in verschiedenen Städten (Angoulême, Nérac, Poitiers, Orléans). Er ging wieder nach Paris. Dann wurden im Oktober 1534 „ketzerische“ Plakate in Paris angebracht und die Neuerer wurden in Paris schwer verfolgt.

Daher floh Calvin jetzt aus Frankreich heraus und ging ins Exil, er ging über Metz nach Straßburg und nach Basel in der Schweiz. Basel war zu dieser Zeit bereits eine evangelische Stadt. Hier lebten und arbeiteten viele bedeutende evangelische Männer. 1534, in den Jahren der Flucht und der Unruhe, schrieb Calvin seine erste reformatorische Schrift (Psychopannychie) die jedoch erst 1542 gedruckt wurde. Sie wandte sich gegen die Lehre vom Schlaf der Verstorbenen bis zur Auferstehung.

In Basel ist er nun evangelisch und er beginnt als Reformator – indem er schreibt. Er schreibt eine Vorrede zu einer Bibelübersetzung und er schreibt die die Christianae religionis Institutio. Die Institutio ist sein Meisterwerk, ein Katechismus der evangelischen Lehre, der 1536 veröffentlicht wurde und sechs Kapitel hatte. An der Institutio erkennt man, dass Calvin nun die Schriften von Martin Luther gelesen hatte. Gleichzeitig ist die Institutio aber auch eine Verteidigungsschrift. Der Jurist – und jetzt muss man auch sagen: der Theologe – Calvin verteidigt den evangelischen Glauben und die Evangelischen in Frankreich. Die Evangelischen sind keine politischen Rebellen, so schreibt er. Die Evangelischen sind loyale Untertanen. Die evangelische Lehre ist nicht zweifelhaft, sie ist gewiss, schreibt er. Adressat dieses Katechismuses war der König. Die Institutio wurde von Calvin 1536 an König Franz I. geschickt. Calvin wollte, dass die Situation der Evangelischen in Frankreich erträglicher wurde. Er wollte, dass das Blut der Evangelischen nicht weiter vergossen wird.

Calvin war weiterhin unterwegs. Er hielt sich kurz in Italien, Ferrara, auf. Dann war er kurz in Noyon, seiner Heimatstadt, um einige Dinge zu regeln. Und dann wollte er nach Straßburg gehen, musste aber wegen einem erneut ausbrechenden Krieg einen Umweg über Genf machen. Ende Juli oder Anfang August 1536 traf Calvin in Genf ein und wollte nach einer kurzen Rast weiterfahren. In Genf traf er Wilhelm Farel, der in der Genf der Reformation zum Durchbruch verholfen hatte. Farel beschwor ihn, in Genf zu bleiben und beim kirchlichen Aufbau zu helfen. Calvin hatte vielleicht von einer stillen Gelehrtentätigkeit in Strassburg geträumt, aber er erkannte den Ruf Gottes und blieb in Genf. Calvin, der kein abgeschlossenes theologisches Studium und keine Ordination hatte, begann seine Tätigkeit mit der Auslegung des Römerbriefes, dann begann er auch zu predigen. Er schrieb einen Katechismus, der Katechismus sollte den Glaubensgrund legen für die Neuorganisation der Genfer Kirche. Zu dieser Neuordnung gehörte eine strenge Sittenzucht und eine Bekenntnisverpflichtung. Der Genfer Rat genehmigte die ersten Schritte der Neuordnung, in der Bürgerschaft entstand jedoch Widerstand. Die beiden Reformatoren Calvin und Farel wurden beschuldigt, sie mussten sich rechtfertigen. Sie gerieten in Konflikte zwischen den Städten Genf und Bern und dann in Konflikte mit dem Rat von Genf. Bei den Stadtratswahlen 1538 in Genf siegten die Gegner. Als sich Farel und Calvin vor der Osterkommunion weigerten, Unwürdigen das Abendmahl zu reichen, wurden sie verbannt und mussten im April 1538 Genf innerhalb von drei Tagen verlassen.

Calvin reiste nach Bern und Zürich, dann wurde er nach Strassburg gerufen.
Im September 1538 wurde er Pfarrer der französischen Flüchtlingsgemeinde und Lektor an der gymnasialen Akademie. Er wurde Bürger von Strassburg. In der Gemeinde in Strassburg konnte er das, was er in Genf vorgehabt hatte, durchführen. Wie bei seinem Aufenthalt in Basel lernte er in Strassburg die führenden Reformatoren der Stadt und der Region kennen, insbesondere Martin Bucer. Man merkt seiner späteren Theologie an, dass er viel von Bucer gelernt hat. Er lernte den lutherischen Philipp Melanchthon kennen und freundete sich mit ihm an. Auf diese Weise wurde er mit der Reformation in Deutschland vertraut, nachdem er die Verhältnisse in Frankreich und in der Schweiz ja bereits kannte. Martin Luther lobte auch eines seiner Bücher. Calvin hielt Vorlesungen über biblische Bücher. 1540 heiratete er eine Witwe, die zwei Kinder mit in die Ehe brachte. Ihnen wurde ein Kind tot geboren, seine Frau starb 1549.

Calvin überarbeitete die Institutio und brachte sie in zweiter Auflage heraus, nun mit 17 Kapiteln. In Strassburg veröffentlichte er seinen ersten Bibelkommentar, viele weitere sollten folgen.

1541 wurde Calvin nach Verwicklungen in Genf und nach der Wahl eines neuen Genfer Stadtrats nach Genf zurück gerufen. Am 13. September 1541 zog er als Triumphator in Genf ein. Er wurde Pfarrer und Lehrer an der Kirche St. Peter. Sogleich begann er damit, eine neue Kirchenordnung einzuführen. Seine Kirchenordnung wurde noch im November 1541 vom Stadtrat angenommen.

Die Kirchenordnung enthielt Regelungen über die Sitte und die Kirchenzucht. Diese Regelungen wurden in den kommenden Jahren vom Genfer Stadtrat in strengen und harten Prozessen gegen Sektierer, Schmäher, echte oder vermeintliche Gotteslästerer und politische Konspiration durchgeführt. Die Strafen entsprachen der Zeit: öffentliche Buße, Verbannung und auch Hinrichtungen. Calvin war in diese Verfahren verwickelt und hatte an der Härte Mitschuld. Besonders umstritten ist die Todesstrafe gegen den Trinitätsleugner Servet, die unter Beteiligung Calvins verhängt wurde. Die Äußerungen von Servet gelten als Ketzerei.
Martin Luther wird heute angeklagt wegen seiner Verwicklungen in den Bauernkrieg und seinen Aussagen über die Juden. Huldrich Zwingli starb als Soldat in einem Krieg. Bei Calvin sind es seine Verwicklungen in diese Prozesse, die wir heute nicht verstehen.
Wegen der Anwendungen der kirchlichen Zucht wurde Calvin als hart und unmenschlich verschrien. Wir wissen aber aus seinen Briefwechseln, aus den Informationen, die wir über seine Ehe haben und aus dem, was wir von ihm als Seelsorger wissen, dass er nicht unmenschlich war.

Theologisch waren die Jahre in Genf sehr fruchtbar. Calvin schrieb einen neuen Katechismus, den Genfer Katechismus. Die Institutio erschien 1543 in einer dritten Auflage mit 21 Kapiteln. Der Gottesdienst wurde reformiert, neben dem Gebet und der Predigt ist der Psalmengesang in seinen Gottesdienst wichtig. Als Psalmenübersetzer wirkte Calvin wie Luther als Sprachschöpfer. Er verfasst Streitschriften. Calvin erhielt das Genfer Bürgerrecht. 1559 erschien die vierte Auflage der Institutio mit 80 Kapiteln.

Calvin hielt weiterhin engen Kontakt mit anderen Reformatoren. Mit den anderen Schweizer Reformatoren verständigte er sich über die Abendmahlsfrage (Consensus Tigurinus 1549). So entstand eine geeinte evangelisch-reformierte Kirche.

Trotz teilweise guter Kontakte zu Lutheranern blieben hier Lehrstreitigkeiten, die zum Teil erst im 20. Jahrhundert überwunden wurden. Bis heute unterscheiden wir daher zwischen evangelisch-reformierten Kirchen in der Tradition von Johannes Calvin und Huldrich Zwingli und evangelisch-lutherischen Kirchen und Gemeinden in der Tradition von Martin Luther.

Calvin hatte durch seinen Einsatz und seinen Briefwechsel eine große Wirkung für ganz Europa. Er setzte sich für die verfolgten französischen Protestanten ein und nahm viele Flüchtlinge in Genf auf. Er half bei der Entwicklung einer organisierten evangelischen Kirche in Frankreich und half den Hugenotten. Calvin hat die englische und die schottische Reformation unterstützt, der schottische Reformator John Knox ist sein Schüler. Er beeinflusste Deutschland, die Niederlande, Polen, Ungarn, Italien und Spanien.

Calvin lehrte und predigte. Er gab einen Bibelkommentar nach dem anderen heraus. Seine Bibelkommentare prägten die reformierte Exegese jahrhundertelang.

Seine prägendste theologische Bedeutung war jedoch die Institutio, dieses gewaltige Werk der systematischen Theologie. Er versteht dieses systematisch-theologische Lehrbuch als eine Auslegung der Heiligen Schrift. Calvin greift in ihr die Lehren der anderen evangelischen Theologen seiner Zeit auf, das ist seine Besonderheit, und er vermittelt zwischen ihnen. Auf dieser Grundlage entwickelt er seine eigene Theologie. Besondere Akzente seiner Theologie zeigen sich u.a. in der Zuordnung von Gesetz und Evangelium, in der Lehre von Vorsehung (Providenz) und Prädestination, in der Abendmahlslehre, in der Zwei-Regimenten-Lehre, in der Lehre von Kirchenzucht und im Presbyteramt. Aus diesen Überlegungen entstand dann erstmals in Frankreich eine presbyterial-synodale Kirchenordnung.

Johannes Calvin starb am 27. Mai 1564 in Genf.

Heute, am Reformationstag, gedenken wir dieser großen, mutigen Männer, die die Kirche erneuerten, die unter großem Einsatz und Kampf auf die Grundlagen unseres Glaubens, die Bibel und Jesus Christus hingewiesen haben.

Bei einem Vergleich der drei Reformatoren muss man sagen, dass sich bei den vielen Gemeinsamkeiten über Jesus Christus und die Bibel ihr theologischer Ansatz und ihre Schriften unterscheiden. Das, was man im Leben erlebt hat, prägt natürlich auch das Denken über Gott. Das war damals so und das gilt heute auch. Martin Luther bekämpft den Papst. Er sieht sich ständig vom Zweifel und vom Teufel umgeben. Luther sieht den Menschen vor sich, der nach danach fragt, wie er vor Gott bestehen kann, der an seinen guten Werken verzweifelt und dabei Höllenangst hat. Luther ist von einer tiefen Angst getrieben, von der Angst um seine Erwählung, von der Angst wegen seiner Sünden.

Auch Huldrich Zwingli wurde aus seiner Angst heraus zum Reformator. Er hatte jedoch weniger Angst vor dem Teufel als vor dem Zorn Gottes. Seine Anfechtungen waren nicht so erschütternd wie bei Luther. Zwingli war als Schweizer vor allem auch leidenschaftlicher Eidgenosse und Demokrat.

Bei Calvin spielt die Angst keine Rolle. Ihm geht es um die Gottesverehrung. Sein leitendes Anlieben ist: Gebt Gott die Ehre in all eurem Tun. Und das können wir auch heute von ihm lernen: In allem Gott die Ehre geben.

Frank Rudolph