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„Auf dass sie alle eins seien“

Predigt am Reformationstag 2007 in der Evangelischen Marienkirche Niederweidbach.

Als Evangelische Kirche haben wir uns Reformation auf die Fahnen geschrieben. Reformation heißt Erneuerung, geistige Umgestaltung und Verbesserung. Die Evangelische Kirche entstand so durch Martin Luther. Die damalige katholische Kirche – die sich von der heutigen katholischen Kirche enorm unterschied – hatte Reformation nötig, weil das Leben und Wirken der damaligen Kirche Kritik hervorrief. Die Reformation ist nicht zu einem Ende gekommen. Erneuerung, Umgestaltung und Verbesserung ist immer möglich und oft geboten.

Die Erneuerung war nicht nur an einem Ort zu durchzuführen, jedes Land, jede Region, jeder Ort brauchte einen Reformator. Die Reformatoren waren nicht immer einer Meinung, wenn es um die Einzelheiten der Durchführung der Erneuerung ging. Daher entstanden auch verschiedene Richtungen und verschiedene evangelische Kirchen. Bis heute unterscheiden wir evangelisch-lutherisch, evangelisch-reformiert und evangelisch-anglikanisch. Bucer wollte die verschiedenen evangelischen Richtungen einen, Jahre seines Lebens opferte er dieser Aufgabe. Seine Losung war: "Auf dass sie alle eins seien".

Es gab nur einen Reformator, der in vielen Zentren der Reformation wirkte. Seine Lebens- und Wirkungsorte waren im Elsass (Schlettstadt, Straßburg), in Marburg bei Philipp von Hessen, im Rheinland (Bonn) und in England in Cambridge. Er reiste viel umher, von Basel nach Zürich, von Augsburg nach Kassel, von Heidelberg nach Worms und nach Regensburg.

Martin Bucer hat Grenzen überschritten. Er hatte eine europäische Weite. Ihm ging es um die Ökumene. Er war ein Grenzgänger. Er hat andere Reformatoren beeinflusst. Die Entwicklung der neuen, evangelischen, Kirche und der neuen, evangelischen Theologie, das war über Jahre eine Suchbewegung und Bucer hatte dabei entscheidenden Einfluss.

Martin Bucer wurde 1491 in Schlettstadt (heute Sélestat) im Elsaß in ärmlichen Verhältnissen geboren. Sein Vater stammte aus Straßburg, er war Kübler. Bucer besuchte die Lateinschule, die Schule stand in der Tradition des oberrheinischen Humanismus.

Mit 15 Jahren trat er dem Orden der Dominikaner bei und wurde Mönch. In Mainz wurde er zum Priester geweiht. Der Orden versprach weitere Ausbildung, die sich Bucer als Kind armer Eltern sonst nicht hätte leisten können. In seiner Ausbildung bei den Dominikanern lernte er die scholastische Theologie im Sinne von Thomas von Aquin.

1517 kam Martin Bucere ins Ordenshaus der Dominikaner nach Heidelberg und er immatrikulierte sich an der Universität. In Heidelberg lernte er Luther kennen, der im April 1518 in Heidelberg zu einer Disputation war. Bucer wurde zu einem Anhänger der neuen Theologie von Martin Luther.

1521 musste Bucer jedoch fliehen. Die Dominikaner akzeptierten nicht, dass er sich an Luther orientierte. Er ging zusammen mit anderen Anhängern der Reformation in der Pfalz auf der Burg des Reichsritters Franz von Sickingen. Der Dominikanerorden entließ ihn. Bucer wurde Hofkaplan.
1522 heiratete Bucer die ehemalige Nonne Elisabeth Silbereisen. Die Hochzeit eines Mönchs mit einer Nonne, zwei Jahre vor der Hochzeit Luthers, unter Missachtung des ehemals abgelegten Zölibatsgelübdes, das war ein Skandal.

Bucer war kurzzeitig Pfarrer in Landstuhl und in Weißenburg (Wissembourg). 1523 wurde er jedoch vom Bischof von Speyer exkommuniziert. Er war der lutherischen Predigt und des politischen Aufruhrs angeklagt. Bucer floh erneut, diesmal in die tolerante Stadt Straßburg.

Er begann, die Schrift auszulegen, er predigte, er veröffentlichte Schriften, er disputierte. 1524 wurde er zum Pfarrer von St. Aurelien in Straßburg gewählt, später zum Pfarrer von St. Thomas in Straßburg. 1529 wurde die Messe in Straßburg abgeschafft. 1533 fand die erste Synode in Straßburg statt. Bucer wurde zum Sprecher der Straßburger Kirche und zum maßgeblichen Kirchenmann der Reformation in Südwestdeutschland. Er war maßgeblich beteiligt an der Reformation in den Reichsstädten Ulm (1531), Memmingen und Biberach im Jahr 1531 und Augsburg in den Jahren 1534 bis 1537. Er verfasste verschiedene theologische und kirchenorganisatorische Gutachten für benachbarte Reichsstädte.

Ein wichtiger Streitpunkt der Reformatoren untereinander war das Abendmahl. Die Stadt Straßburg stand den Schweizer Städten Basel und Zürich nahe, die evangelisch-reformiert waren. In den Schweizer Städten vertrat man die Auffassung von Zwingli, dass das Abendmahl eine Symbolhandlung sei. Martin Luther vertrat eine andere Meinung. Er sagte, dass Christus beim Abendmahl in den Elementen Brot und Wein real anwesend ist. Bucer konnte sich mit diesem Gegensatz innerhalb der Reformation nicht zufrieden geben. Er reiste umher und versuchte, die Parteien zu einer einheitlichen Formulierung zu bewegen. Das Marburger Religionsgespräch 1529 zwischen Luther und Zwingli sollte den Konflikt lösen, Bucer war er dabei. Er wollte eine Brücke schlagen zwischen Wittenberg und Oberdeutschland. Der Konflikt konnte damals jedoch noch nicht aufgehoben werden.

Ein zweiter Streitpunkt innerhalb der Reformation war das Täufertum. Strassburg war eine milde Stadt, daher sammelten sich in ihr die Täufer. Auch das Problem mit den Täufern versuchte er durch Auseinandersetzung und Vermittlung zu lösen.

1530 war der Augsburger Reichstag. Dort übergaben die Anhänger Luthers dem Kaiser nach jahrelangen konfessionellen Auseinandersetzungen in Deutschland ein Bekenntnis, das den evangelischen Glauben darstellte, die Confessio Augustana. Bucer verfasste zusammen mit anderen ein eigenes Bekenntnis, die Confessio Tetrapolitana (das Vierstädtebekenntnis), in der die vier oberdeutsche Reichsstädte Straßburg, Konstanz, Memmingen und Lindau ihr Bekenntnis darlegen.

Bucers großer Erfolg war die Mitarbeit an der Wittenberger Konkordie, die 1536 verabschiedet wurde. Die Konkordie überbrückte den Zwiespalt zwischen den oberdeutschen Reichsstädten und den lutherischen Reformatoren und dies war von weitreichender theologischer und kirchenpolitischer Bedeutung. Die Versuche, auch die Schweizer Protestanten in die Abendmahlskonkordie einzubeziehen, misslangen. Die Konkordie war daher nur ein halber Erfolg. Sechs Jahre hatte die Arbeit an dieser Erklärung gedauert.

1538 wurde Bucer von Philip von Hessen in Marburg berufen. Philipp von Hessen wollte seine Hilfe bei der Kirchenordnung, bei der Einführung des Ältestenamtes und bei der Einführung der Konfirmation. Bucer sollte die Täuferbewegung eindämmen.
Er entwarf die „Ziegenhainer Zucht- und Ältestenordnung“, die 1539 gedruckt wurde.
Er war beim Leipziger Religionsgespräch 1538/1539, beim Religionsgespräch in Hagenau und Worms und beim Religionsgespräch auf dem Reichstag in Regensburg (1541).

Von 1538 bis 1541 wirkte in Straßburg Johannes Calvin, er wurde nach Strassburg gerufen und wurde im September 1538 er Pfarrer der französischen Flüchtlingsgemeinde und Lektor an der gymnasialen Akademie. Bucer und Calvin arbeiteten eng zusammen. Calvin wurde Bürger von Strassburg. In der Gemeinde in Strassburg konnte er das, was er in Genf vorgehabt hatte, durchführen. Wie bei seinem Aufenthalt in Basel lernte er in Strassburg die führenden Reformatoren der Stadt und der Region kennen, insbesondere Martin Bucer. Man merkt seiner späteren Theologie an, dass er viel von Bucer gelernt hat. In Straßburg bekam Calvin Kontakt zum lutherischen Philipp Melanchthon und freundete sich mit ihm an. Auf diese Weise wurde er mit der Reformation in Deutschland vertraut, nachdem er die Verhältnisse in Frankreich und in der Schweiz bereits kannte. Calvin hielt Vorlesungen über biblische Bücher. 1540 heiratete er eine Witwe, die zwei Kinder mit in die Ehe brachte. In Strassburg veröffentlichte er seinen ersten Bibelkommentar, viele weitere sollten folgen. 1541 wurde Calvin wieder nach Genf gerufen.

1541 wütete die Pest in Straßburg. Bucers Frau und fünf seiner Kinder starben. Bucer heiratet 1542 Witbrandis Capito, die Witwe von seinem Kollegen Wolfgang Capito. Sie bekammen zusammen zwei Kinder. 1542 ging Bucer nach Bonn. Erzbischof Hermann von Wied wollte die Reformation im Erzstift Köln durchführen. Kaiser Karl V. machte diese Pläne jedoch zunichte. Bucer kehrte nach Straßburg zurück. Mittlerweile war er auch über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt geworden. Er wurde vielfach um Rat gefragt. Er schrieb Traktate und Gutachten. Seine Schriften wurden ins Englische und ins Tschechische übersetzt.

Dann fand der 1546/1547 der Schmalkaldische Krieg statt. Der katholische Kaiser besiegte die lutherischen Grafen. Der katholische Kaiser diktierte beim Reichstag in Augsburg eine Lösung des Religionsproblems, das Augsburger Interim. Bucer wurde in Augsburg gezwungen, das Interim zu unterschreiben. Heimlich verließ er den Reichstag und schrieb gegen das Interim. Kaiser Karl V. war entrüstet und verlangte seine Entfernung. Unter diesem Druck fasste der Rat in Straßburg den Entschluss, Bucer abzufertigen. 1549 wurde er ausgewiesen.

Bucer hatte Rufe nach Wittenberg, Kopenhagen und Genf, er ging aber nach Cambridge. Er sah dort die größte Möglichkeit, zu wirken. Der dortige Erzbischof Thomas Cranmer nahm ihn mit großen Ehren auf. Bucer erhielt eine einflussreiche Stellung als Theologieprofessor. Er wirkte bei der Entwicklung der jungen anglikanischen Kirche mit. Cranmer ging es darum, der anglikanischen Kirche die katholische Form zu nehmen. Er wollte die Liturgie reformieren. Der erste Schritt dazu war die Veröffentlichung des Book of Common Prayer 1549. Am 28. Februar 1551 starb er in Cambridge. 1991 hat man den 500. Geburtstag von Bucer gefeiert.

Reformation heißt Erneuerung, geistige Umgestaltung und Verbesserung. Der Weg ist oft weit. Bucers Leistung ist in vielerlei Hinsicht zu würdigen.

1. Sein Anliegen war die Einheit, die Vermittlung, die Integration, die Verständigung: Bucer gehörte zu den frühen Anhängern von Luther. Er sah, wie sich die Reformation aussplitterte. Bucer wollte die Einheit. Er hat seine Theologie zunächst in Abhängigkeit von Luther entwickelt, aber er wurde im theologischen Denken eigenständig. Daher behandelten sich beide respektvoll und distanziert. Bucer war in ständigem Kontakt mit den Reformatoren seiner Zeit, mit Martin Luther, mit Ulrich Zwingli, mit Johannes Calvin, mit Philipp Melanchthon, mit Heinrich Bullinger. Er wollte den Streit nicht. Er suchte nach theologischen Lösungen. „Wir sind uns doch in der Sache eigentlich eins“, so könnte er gesagt haben, „lasst uns das auch in Worten ausdrücken.“ So kommt es, dass er von den evangelisch-lutherischen, von den evangelisch-reformierten und den evangelisch-anglikanischen heute als einer ihrer Kirchenlehrer angesehen wird.

2. Sein Anliegen war die Ökumene: Bucer hat ökumenische Kontakte aufgebaut. Er hatte Kontakte nach Italien und Böhmen, nach Dänemark und Schweden, nach Polen und nach Palästina. Er förderte die Reformation in Frankreich und in England.
Er wollte ein Vermittler sein zwischen den Konfessionen und den Nationen. Er war einer der ersten, der Ökumene gelebt hat. Seine Schriften sind bis heute für die ökumenischen Gespräche interessant.

3. Bucer hat eine große Bedeutung für die Behandlung der Frage, wie Kirche und Staat sich aufeinander beziehen sollen. Bucer versuchte einerseits die Freiheit der Kirche vom Staat zu bewahren, daher hat man ihn in den Kreisen des Pietismus im 17. und 18. Jahrhunderts gerne gelesen. Er konnte sogar freikirchliche Anliegen aufnehmen. Andererseits betonte er aber auch die große Bedeutung christlicher Traditionen für die Gesamtgesellschaft. In Cambridge legte er mit die Grundlage für das englische Staatskirchentum.

4. Große Bedeutung hat Bucer in praktisch-theologischen Fragen. Er hat sich mit der Predigtlehre, dem Gemeindeaufbau und der Seelsorge beschäftigt. Er hat die Konfirmation eingeführt als Unterricht für Jugendliche in Fragen des Glaubens und der Religion.

5. Theologisch war Bucher originell: Calvin war – in der Meinung von O. Ritschl – an theologischer Originalität ebenbürtig mit Philipp Melanchthon und Ulrich Zwingli ebenbürtig und Johannes Calvin überlegen.

6. Ein großer Teil seines Werkes ist die Schriftauslegung. Er hat den Menschen das Wort Gottes gepredigt und ausgelegt. Das Wort Gottes. Darum ging es den Reformatoren zu allererst. Sola Scriptura.