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Abgedruckt in: Miteinander. Gemeindebrief der Evangelischen Kirchengemeinde Niederweidbach, Nr. 41, März bis April 2005, 18-23.


Am Sonntag, 6. März 2005 wird in einem Festgottesdienst der Abschluss der Restaurierung unseres Niederweidbacher Marienaltars gefeiert. Nach dem Gottesdienst wird zu einem Mittagessen im Evangelischen Gemeindehaus eingeladen.

Restaurierung
Der Marienaltar der Evangelischen Marienkirche in Niederweidbach ist von 2003 bis 2005 von dem Restaurator Peter Weller-Plate in Ockenheim restauriert worden. Die Fachberatung lag bei Restauratorin Uta Reinhold in Kiedrich. Die Restaurierung fand in zwei Bauabschnitten statt. Zunächst wurden die Flügel zum Restaurator gebracht. Sie kamen am 28. März 2004 nach Niederweidbach zurück und im gleichen Transport wurde der Schrein mit den Figuren der Maria, des Nikolaus und des Jakobus mitgenommen. Die Flügel wurden in einen Behelfsschrein eingebaut. Im Februar 2005 kam der Schrein mit den drei Figuren zurück nach Niederweidbach.
Erste Gespräche über die Restaurierung hatten 1999 stattgefunden. Anfang 2002 war die Bestandserfassung. Die Kosten für die Restaurierung von 163.000 Euro teilten sich die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) (75.000 Euro), das Landesamt für Denkmalspflege in Wiesbaden (48.000 Euro), die Evangelische Kirchengemeinde Niederweidbach, Spender und Spenderinnen aus der Kirchengemeinde (rund 38.000 Euro) und die Untere Denkmalbehörde des Lahn-Dill-Kreises .

Dank
Viele haben sich bei diesem großen Projekt engagiert. Vielen Spenderinnen und Spendern ist zu danken. Dank ganz besonders an den Restaurator Peter Weller-Plate, seine Mitarbeiterin Wiebke Neugebauer, an die Fachberaterin Uta Reinhold, Bauingenieur Thomas Lang vom Referat Bauwesen der EKHN, Kirchenbaudirektor Georg Weber von der Kirchenverwaltung der EKHN, vom Landesamt für Denkmalpflege Prof. Dr. Gerd Weiß, Direktor Viehbrock und Jochen von Sichart. Dank an die Spezialtransporteure, die Handwerker aus Niederweidbach und Umgebung, die bei kleinen und großen Problemen geholfen haben und natürlich an den ehemaligen Pfarrer und Dekan Dieter Schwarz, dem Motor des Unternehmens. Dank auch an den alten und neuen Kirchenvorstand (mit seinen Bauausschüssen) der von 1999 bis 2005 dieses Projekt getragen und beraten hat.

Neue Überlegungen zur Geschichte
Im Zusammenhang mit der Restaurierung sind Fragen zur Geschichte des Altars aufgetreten, die bislang als geklärt erschienen. Bislang hatte man den Altar weitgehend als Einheit betrachtet. Die Tafeln, der Schrein und die Figuren sollen zur gleichen Zeit, um 1520, zu einem Altar zusammengestellt worden sein. Dies erscheint nun fraglich. Es hat den Anschein, dass der Altar im 19. Jahrhundert aus mehreren Teilen des 16. Jahrhunderts zusammengestellt worden ist, aus den Tafeln, den Figuren und dem Schrein. Diese Vermutungen stützen sich insbesondere auf Überlegungen und Beobachtungen der Restauratoren Uta Reinhold und Peter Weller-Plate.

Die Tafeln
Es kann als sicher gelten, dass nach dem Anbau des Kirchenschiffes 1498 ein neuer Altar in die alte Wehrkirche gebracht wurde, die Kirche zur Marienkirche wurde (wobei natürlich die alte Wehrkirche schon der Maria geweiht gewesen sein könnte) und die Kirche eine Wallfahrtskirche war. Fest zu stehen scheint auch, dass der Bauherr der Kirche, Graf Philipp von Solms, Auftraggeber für diesen neuen Altar war. Philipp von Solms war ein gebildeter und studierter Mann, ein geschickter Politiker, ein kaiserlicher Rat unter Kaiser Maximilian und Kaiser Karl V. und er hatte Ämter bei Friedrich dem Weisen, dem sächsischen Kurfürsten in Wittenberg. Er war außerdem beim Landgrafen von Hessen tätig und förderte die Künste und die Architektur. Nur ein Graf hatte das Geld, solch einen Altar in einer Dorfkirche aufstellen zu lassen. Es kann als unwahrscheinlich gelten, dass nach 1533 ein Marienaltar in unserer Kirche aufgestellt wurde, da die Kirchengemeinde 1533 evangelisch wurde und damit die Marienverehrung aufhörte. Philipp von Solms bekannte sich zwar erst auf dem Sterbebett 1544 zur Reformation und zum evangelischen Bekenntnis, aber Niederweidbach konnte sich bereits 1533 der Reformation anschließen, da es im Gemeinschaftsgebiet von Solms und den hessischen Landgrafen lag. Landgraf Philipp von Hessen hatte die Reformation 1526 auf der Synode von Homburg eingeführt und dies hatte auch Auswirkungen auf die mit anderen Grafen gemeinsam verwalteten Gebiete. Die Tafeln des Niederweidbacher Altars sind wohl für Niederweidbach hier (oder in der Region) hergestellt worden.

Hans Döring
Fest zu stehen scheint auch, dass Hans Döring aus Thüringen der Maler der Tafeln war. Döring bezeichnete sich selbst als „Hans Ritter gen. Döring, Schultheiß zu Wetzlar, Maler HD“. Die Frage, ob sein Nachname „Ritter“ oder „Döring“ war, wird in der Literatur unterschiedlich beantwortet, da sich seine Söhne nur noch „Ritter“ nannten, war dies wohl der Familienname. Die Tafeln sind wohl um 1520 spätgotisch hergestellt worden, wie Hanny Pfeiffer aufgrund von Bildvergleichen glaubhaft gemacht hat. Döring hat man erst kurz vor 1919 als einen der Künstler ermittelt, der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts das Monogramm „HD“ benutzte. Döring werden ab 1508 Kunstwerke zugeschrieben. Er war ein Mitarbeiter oder Gehilfe von Lukas Cranach d.Ä. und daher von diesem beeinflußt. Außerdem war er von den Meistern der Donauschule beeinflusst, Albrecht Dürer und Albrecht Altdorfer. Döring war handwerklich gut geschult. Er hat, wie es damals üblich war, bekannte Bilder dieser Meister für seine eigenen Bilder übernommen und variiert. In seinen Arbeiten erscheinen als Erkennungszeichen immer wieder eine bogenförmige Schraffierung des Rasengrundes, eine rispenförmige Pflanze, weich rundende Körperformen, romantische Hintergründe und malerische Stimmungswerte der Natur. Er hat in Eisleben, Mansfeld, Laubach, Lich, Wetzlar, Dillenburg und Friedberg gewirkt. Da auf seinen Bildern lateinische und griechische Sätze stehen, gilt er als gelehrt. Möglicherweise hat er die Universität Wittenberg besucht, mit Sicherheit hat er bis 1514/1515 in Wittenberg gewirkt, wo er Graf Philipp von Solms kennenlernte. In der Folgezeit arbeitete er für das Solmsische und Mansfeldische Grafenhaus, beide Grafenhäuser waren verwandtschaftlich verbunden. Als Philipp von Solms Wittenberg verließ, scheint Döring mit ihm nach Lich gegangen zu sein. Mit diesem Wechsel endete seine frühe Schaffensperiode in Wittenberg, Eisleben und Mansfeld. Döring war fortan der Hofmaler der Solmser Grafen. 1518 hat er für ein Wetzlarer Kloster - es kann sich nur um das Franziskanerkloster handeln - zwei Bilder gemalt, die später auf Kloster Altenberg hingen und heute verschollen sind. Ab 1530 Jahren fertigte er auch Holzschnitte an. Ab 1533 war er Stiftsschultheiß in Wetzlar. Er wurde unrechtmäßig von Graf Bernhard von Solms, der seinen Einfluss in der freien Reichsstadt Wetzlar festigen wollte, gegen den legitimen Vorschlag des Stiftspropstes durchgesetzt. Er wurde wohl auch aufgrund seiner Bildung von den Solmser Grafen für diese Stelle vorgeschlagen. Der Graf wollte sich erkenntlich zeigen. In 19 Urkunden des Wetzlarer Stadtarchivs aus der Zeit zwischen 1535 und 1558 wird Hans Döring als Schultheiß genannt. Der Propsteischultheiß war der örtliche Vertreter des Propstes. Er war für die Verwaltung des Propsteigutes und für die Wahrnehmung der dem Propst in der Stadt obliegenden Aufgaben verantwortlich. Letztere traten mehr und mehr in den Hintergrund, als durch die Bestellung eines Vogtes ein unmittelbarer Vertreter des Herrschers dessen Interessen und die des Reiches in der Reichsstadt Wetzlar wahrnahm. Zuletzt war nur noch der Vorsitz im Wetzlarer Schöffengericht, der gemeinsam von Schultheiß und Untervogt ausgeübt wurde, als Erinnerung an die einstige Gerichtshoheit des Propstes geblieben. Die alte Bedeutung des Propstes und des Schultheißen waren zu Beginn des 16. Jahrhunderts geschwunden. 16 Urkunden sind von ihm als Schultheiß gesiegelt, zwei von ihm eigenhändig geschrieben. In seinem Siegel befindet sich ein Mühleisen, möglicherweise war er der Sohn eines Müllers. Döring war nun in Wetzlar beides, Maler und Schultheiß. Es ist anzunehmen, dass der ständige Wohnsitz von Döring ab 1533 Wetzlar gewesen ist und dass er von hier aus für kürzere oder längere Zeit nach Lich und nach Dillenburg gegangen ist. Er hatte in Wetzlar eine Werkstatt, in der wohl neben Gehilfen seine beiden Söhne mitarbeiteten. Er wohnte am Eisenmarkt. 1544 starb sein alter Gönner Graf Philipp. Bei dem Umbau des Dillenburger Schlosses durch Wilhelm den Reichen von 1547 bis 1556 wirkte er als Maler mit. Döring starb wohl 1559, da 1560 ein neuer Schultheiß in Wetzlar benannt wurde. Als Stiftsschultheiß war Döring einer der wenigen Katholiken in der 1542 protestantisch gewordenen Stadt. Von 1514 bis zu seinem Tod arbeitete er für die Solmser Grafen, 45 Jahre, und von 1518 bis zu seinem Tod, also 41 Jahre lang, hatte er Beziehungen zu Wetzlar.

Die Figuren
Auch die Figuren des Niederweidbacher Altars, Maria, Jakobus, Nikolaus, stammen aus dem 16. Jahrhundert und sind spätgotisch, ihr Herstellungsort ist jedoch sehr unsicher. Figuren und Tafeln stammen aus der Endzeit der Spätgotik, um 1530 begann in Deutschland bei Skulpturen die Renaissance. Die Vermutung, dass die Figuren aus der Werkstatt von Hans Backofen (oder Backoffen) (um 1470-1519) in Mainz kommen, ist unwahrscheinlich. Backofen war Bürger von Mainz, er stand in erzbischöflichem Dienst als Hofbildhauer und ist innerhalb der mittelrheinischen Plastik der Hauptvertreter des sogenannten spätgotischen Barocks. Backofen fertigte meist Kreuzigungsgruppen und Grabmäler, meist in Stein, nicht in Holz. Es scheint, dass die Figuren aufgrund des Faltenwurfes der Kleider süddeutschen Ursprungs sind. Bereits um 1900 hatte man, mit Hinweis auf den Faltenwurf und die Schnitztechnik, die Nähe zu den Arbeiten Riemenschneiders erwähnt.
Es kann gefragt werden, ob alle drei Figuren von einer Hand stammen. Die Gesichter sind unterschiedlich ausgeführt und Jakobus scheint etwas kleiner zu sein als Maria und Nikolaus. Die Figuren sind mit Leinwand überspannt und bemalt. Hermann Klos vermutet, dass Döring die Figuren bemalt hat. Dies ist eher unwahrscheinlich.

Der Schrein
Auch der Schrein stammt aus dem 16. Jahrhundert. Die Wand hinter den Figuren zeigt Sterne auf einem blauen Himmel. Hinter Maria steht ein Strahlenkranz, der jedoch zu klein ist, da er nicht bis zum Kopf reicht. Unten sind zwei Masken. Vorne verlaufen zwei Säulen. Die beiden Masken stammen aus der Renaissance. Die beiden Säulen vorne sind nachträglich angebracht. Sie sind oben nicht mittig befestigt. Die linke steht etwas nach links, die rechte etwas nach rechts.

Fazit
Der Altar scheint im 19. Jahrhundert zusammengestellt worden zu sein. Dies legt die Aufbringung der Farbschichten nahe. Der Schrein und die Figuren gehörten möglicherweise zusammen. Bei diesem Zusammenbau im 19. Jahrhundert sind dann wohl die Flügel gekürzt worden, da sie nicht zum Schrein passten, daher die sauberen und wohlüberlegten Schnittstelle in den Tafeln. Einen neuen Altar aus alten Teilen zusammenzusetzen, das war im 19. Jahrhundert nichts Ungewöhnliches. Insbesondere der Frankfurter Pfarrer Münzenberger führte diese Arbeiten durch, erkannte nachweislich den Altar. Die Renaissance-Masken wurden hinzugefügt. Im Schrein oben wurde ein Kreuzrippengewölbe angebracht im gotischen Flamboyantstil. Die zwei Säulchen und ihr Unterbau wurden hinzugebracht. Der Strahlenkranz hinter Maria kam hinzu. Am Ende wurden Teile vom Flügelrahmen und vom Schrein mit Bierlasur übermalt.

Entscheidungen bei der Restaurierung
Bei der Restaurierung wurde diskutiert, ob der wohl nachträglich angebrachte, teilweise kaputte und zu kleine Strahlenkranz um die Maria entfernt werden sollte. Er wurde belassen, obwohl die Figur ohne Strahlenkranz nach heutigem Geschmack edler aussieht. Die Säulen des Altars mit den Sockeln wurden belassen, allerdings etwas begradigt. Die silbernen Masken wurden durchgängig silbern bemalt, sie hatten vorher wohl einen goldenen Bart. Beim Einbau des Altars wurde die Sockelzone neu gestaltet. Die Sockelzone war bei der Renovierung der Kirche 1953 bis 1955 gestaltet worden, jetzt wurde sie etwas verändert. Lediglich der Heiligenschein der Maria wurde nicht erneuert, er war sehr brüchig.

Kirchengemeinde im 19. Jahrhundert
Gegen eine Zusammenstellung des Altars im 19. Jahrhundert scheint zu sprechen, dass es keine Hinweise auf sie gibt. Klos berichtet zwar, dass in Niederweidbach einquartierte napoleonische Soldaten sich an dem Altar vergriffen hätten. Sie sollen vom Strahlenkranz der Maria einzelne Strahlen abgebrochen und aus ihrer Krone und aus der Mitra des Nikolaus Edelsteine herausgebrochen haben. Dies habe der damalige Schulmeister, Küster und Glöckner Johann Caspar Schaub (1771-1813) vom Glockengestühl des Turmes aus beobachtet. Klos berichtet jedoch nichts von einer Neuzusammenstellung des Altars.

Auf der anderen Seite sind nur wenige kirchengeschichtlich relevante Ereignisse aus Niederweidbach in der Zeit von 1800 bis 1871 bekannt: 1815 ging das Solmser Land an Preußen über, 1827 kam Bischoffen zur Kirchengemeinde Niederweidbach hinzu, 1829 wurde das heutige Pfarrhaus gebaut, um 1830 wurden die Türen der Kirche mit Zopfbandstil verziert, in den 1830er Jahren fasste die Erweckungsbewegung in unserer Region Fuß, 1858 wurde in Niederweidbach ein Missionsfest gefeiert, einige Jahre später entstand ein lutherischer Missionsverein, 1866 wurde Niederweidbach preußisch, 1867 fanden Arbeiten am Pfarrhaus statt, 1871 fand ein Dankgottesdienst statt. Von Arbeiten am Altar wissen wir in diesem Zeitraum bisher nichts.

Letztlich bleibt die genaue Geschichte des Altars unklar, da es keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt.

Frank Rudolph