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Abgedruckt in: Miteinander. Gemeindebrief der Evangelischen Kirchengemeinde Niederweidbach, Nr. 49, Mitte Mai bis Sept. 2007, 36-40.


In diesem Jahr feiern wir den 60. Geburtstag des Kirchenchores der Evangelischen Kirchengemeinde Niederweidbach. Dieses Jubiläum erinnert daran, dass im Herbst 1947 durch Vikar Zitt ein Frauenchor gegründet wurde, der sich zu einem Gemischten Chor entwickelte. Der Kirchenchor wirkt seitdem in Gottesdiensten mit, besonders in Festgottesdiensten. Er singt bei Jubiläen, bei Kranken, bei Geburtstagen von ehemaligen Mitgliedern, bei Seegottesdiensten, den Missionsfesten und im Altenheim. Der Chor veranstaltet Musikalische Gottesdienste, Kirchenkonzerte und Abendmusiken. Zum geselligen Leben des Chores gehören Weihnachtsfeiern und Ausflüge. Chorstunde ist dienstags um 20 Uhr, so war es bereits 1980, so ist es bis heute.

Die Geschichte der kirchlichen Chormusik in Niederweidbach begann jedoch früher. Bereits von 1898 bis 1905 bestand ein Kirchenchor, wohl ein Gemischter Chor. Der Kirchenchor wurde auf Veranlassung des gerade neu gekommenen Pfarrers Wilhelm Wüst gegründet und er wurde von Lehrer Zimmermann geleitet. Wüst stammte aus Odersberg im Dillkreis. Er war ab 1897 als Vikar in Niederweidbach und wurde 1901 zum Pfarrer gewählt. 1905 verließ er Niederweidbach und wurde Pfarrer in Rüdesheim. Da der Chor genau während der Amtszeit von Wüst existierte, kann man spekulieren, dass der Chor in erster Linie aufgrund seines Engagements bestand. Sicher ist, dass der Chor am Ewigkeitssonntag 1898, bei der Christvesper 1898 und bei der am 6. April 1900 in Oberweidbach stattfindenden Feier zum 50-jährigen Amtsjubiläum des dortigen Lehrers Schmidt sang. Möglicherweise hat er auch bei den anderen besonderen Veranstaltungen in diesem Zeitraum mitgewirkt. 1899 kam die erste Gemeindeschwester nach Niederweidbach und 1904 wurde eine Diakoniestation eingerichtet. Drei Gründe für die Auflösung werden genannt: mangelndes Interesse, kein geeigneter Versammlungsraum (das „Schwesternhaus“ wurde erst 1912 fertiggestellt) und „das Streben der jungen Leute, am Sonntag in keiner Weise in ihrer Freiheit beschränkt zu sein“ (zitiert nach Schwarz, 42).

Kirchenchöre in unserem heutigen Sinn sind eine „Erfindung“ des 19. Jahrhunderts, sie gehören in die Geschichte des evangelischen Vereinswesens. Seit den 1820er Jahren gibt es als Vereine gegliederte Kirchenchöre. Vereine waren im Vormärz eine Form des Bürgertums, sich zu treffen und sich zu engagieren. 1878 fand erstmals ein Landeskirchengesangsfest mehrerer Kirchenchöre bzw. Kirchengesangsvereine statt. 1883 wurde der „Evangelische Kirchengesangverein für Deutschland“ gegründet. Um 1930 gab es 21 Landes- und Provinzialvereine mit rund 3000 Chören. Der »Ev. Kirchengesangverein für Deutschland« sah seine Hauptaufgabe in der »Förderung des ev. Kirchengesangs und der ev. Kirchenmusik«. Seine Anliegen waren die Wiedergewinnung der originalen rhythmischen Fassungen der Kirchenliedweisen, die Pflege des gottesdienstlichen Wechselgesangs und die chorische Arbeit. Unter der Einwirkung der kirchenmusikalischen Erneuerungsbewegung änderte der Kirchengesangverein 1933 in Abwehr der bürgerlich-säkularen Vereinsform seinen Namen in »Verband ev. Kirchenchöre Deutschlands«, wodurch er auf eine noch bewusstere und ausschließlichere Ausrichtung der Arbeit auf den Gottesdienst hinwies. Kirchenchöre in diesem Sinn sind ein freiwilliger Zusammenschluss von Gliedern einer Kirchengemeinde zur Vorbereitung und Ausübung des vor allem mehrstimmigen gottesdienstlichen Gesangs. Chorarbeit ist Verkündigung.

Im Herbst 1947 trafen sich einige Frauen im Schwesternhaus zu einer ersten Chorstunde, ein neuer Kirchenchor entstand in der Kirchengemeinde. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Lina Debus, Elfriede Rippert, Erni Surauf und Elisabeth Albert. Es war wohl so, dass diese drei weitere Mädchen zusammensuchten, mit denen den Alten und Kranken gesungen wurde. Drei Wochen später wurde dann auch in der Kirche gesungen. Erster Leiter des Frauenchores war Vikar Zitt. Die Anfänge liegen noch in der Zeit von Pfarrvikar Karl Kastner, der am 16. August 1945 nach Bischoffen kam und nach und nach alle Dörfer der Region zu betreuen hatte. 1947 verließ er die Region und 1948 wurde Ernst Sames Pfarrer auf der Pfarrstelle. Aus dem Frauenchor wurde ein Gemischter Chor. Leiter war bis 1957 Lehrer Rudolf Kottler. In den ersten Jahren mussten Noten handschriftlich vervielfältigt werden. Am Reformationsfest 1951 wurde ein neues Kirchengesangbuch eingeführt. Der Chor übte die neuen Lieder ein und half so, dass die neuen Lieder bekannt wurden. 1957/1958 leitete Gretel Sames den Chor. Von Januar 1958 bis 1963 war Herr Scheffler aus Mudersbach Chorleiter, er war auch Organist in Niederweidbach. 1960 wurde Edmund Dittmann Pfarrer in Niederweidbach. Von 1963 bis 1968 leitete Lehrer Haas aus Rossbach den Chor. Seit 1. Januar 1969 ist Kantor Hartmut Koch der Leiter des Evangelischen Kirchenchores Niederweidbach. Vertreten wird Hartmut Koch von Karl-Heinz Breitenstein. 1993 wurde Dieter Schwarz Pfarrer auf der Pfarrstelle, 2003 Frank Rudolph. Der Kirchenchor spielte und spielt eine wichtige Rolle im Gemeindeleben. Viele Mitglieder des Kirchenchors sind oder waren Mitglieder im Kirchenvorstand, z.B. Rudolf Albert, Erhard Liegl, Gerhard Strache, Doris Rauber, Doris Grote, Willi Pitzer, Siegfried Junge, Petra Stunz, Helga Luther, Wilfried Birk. Einige Jahre hatte die Kirchengemeinde zwei Kirchenchöre. Neben dem Kirchenchor in Niederweidbach wirkte der Kirchenchor in Oberweidbach. Der Oberweidbacher Kirchenchor löste sich jedoch wohl Ende der 1950er Jahre auf. Oberweidbacher Sänger und Sängerinnen singen heute bei dem einen Evangelischen Kirchenchor der Kirchengemeinde Niederweidbach mit.

Der Kirchenchor gab sich die Struktur eines Vereines, obwohl er eine Gruppe der Kirchengemeinde war. Vorsitzender des Kirchenchores war 39 Jahre lang Manfred Jekel. Er hatte sich 1963 dem Chor angeschlossen, hat den Kirchenchor entscheidend geformt, Ausflüge und Konzerte organisiert. Am 2. März 2005 gab sich der Chor eine neue Leitungsstruktur. An die Stelle der vereinsähnlichen Struktur traten nun Verantwortliche für verschiedene Aufgabengebiete. Derzeit ist Doris Grote Ansprechpartnerin und für die Organisation zuständig. Schriftführerin ist Elke Schmidt, Kassierer ist Siegfried Junge, Notenwart ist Hans Rippert, die Person für das Überbringen von Glückwünschen ist Sonja Schnorr, Krankenbesuche machen Helga Luther und Lore Briel, für Fahrten und Ausflüge ist Doris Burg zuständig.
In einer undatierten „Satzung“ beschreibt der Chor seine Aufgabe so: „Aufgabe des Kirchenchors ist es in erster Linie, mit seinem Gesang Gottes Wort zu verkündigen und im Gottesdienst der ev. Kirche an verschiedenen Sonn- u. Feiertagen Lieder zum Lobe Gottes vorzutragen.“ Dort heißt es weiter, der Chor singe zum 80., 85., 90., 91. usw. Geburtstag, auch älteren, kranken Menschen in der Kirchengemeinde und in Altenheimen. Auf diese Weise wolle der Chor mit seinem Singen Trost und Freude bringen. Der Chor gebe Ständchen und singe zur goldenen Hochzeit. Den aktiven Mitgliedern werde zur Silbernen Hochzeit, zur Goldenen Hochzeit, zum 65., 70. usw. Geburtstag und bei Sterbefällen gesungen.

Der Kirchenchor sang in Gemeindegottesdiensten, er veranstaltete Geistliche Abendmusiken (z.B. 1969, 1972, 1974, 1984, 1994), kirchenmusikalische Gottesdienste (z.B. 1973, 1985, 1999, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006), Advents- und Weihnachtsmusiken (z.B. 1975, 1980, 1982), Singgottesdienste (z.B. 1978) und wirkte bei Seegottesdiensten mit (z.B. 1997, 1998). Der Chor wirkte mit bei den großen Veranstaltungen und Jubiläen, die die Kirchen und Gebäude der Kirchengemeinde betrafen. Er sang 1955 beim Fest der Marienkirche, er sang 1971 bei der Einweihung der neuen Kirche in Rossbach und 1998 bei der 500-Jahr-Feier der Marienkirche. Der Chor sang 2002 bei der Wiederindienstnahme des renovierten Gemeindehauses. 1989 wirkte der Kirchenchor beim Dekanatschorsingen in Hartenrod mit. Der Kirchenchor sang bei den Verabschiedungen und Einführungen der Pfarrer (z.B. 1992, 2003). 1994 wurde aus der Evangelischen Marienkirche im Hessischen Rundfunk ein Gottesdienst übertragen, der Evangelische Kirchenchor Niederweidbach wirkte mit. 1996 war ein Geistlicher Konzertabend mit dem Männergesangverein „Liederkranz“ und dem Kirchenchor in der Evangelischen Marienkirche. 1990 kamen Gäste aus der Partnergemeinde Kindelbrück nach Niederweidbach. Bei dem gemeinsamen Fest im Bürgerhaus wirkt der Kirchenchor mit. 2002 wirkte der Kirchenchor mehrmals bei Veranstaltungen der 1200-Jahr-Feier Weidbachs mit. Bei den Gottesdiensten und Konzerten wirkten häufig Solistinnen und Solisten mit. Der Kirchenchor feierte seine eigenen Jubiläen mit Gottesdiensten und Konzerten: 1973 das 25-jährige Jubiläum, 1987 das 40. Jubiläum, 1997 das 50. Jubiläum. Der Chor ehrte wiederholt seinen Chorleiter Hartmut Koch. 1993 feierte er das 25-jährige Chorleiterjubiläum und 2003 das 35-jährige Jubiläum. Im gleichen Gottesdienst wurde zudem Karl-Heinz Breitenstein, der Vertreter von Koch, zu seinem 30. Chorleiterjubiläum geehrt. Bei vielen dieser Veranstaltungen wurden Sängerinnen und Sänger für langes aktives Singen geehrt.

Das gesellige Leben gehört zum Kirchenchor. Insgesamt hat der Chor bisher rund 20-30 Ausflüge unternommen. Einige Beispiele: 1976 veranstaltete der Kirchenchor nach einem Familiengottesdienst ein Kinderfest auf dem Sportgelände mit Sackhüpfen, Eierlaufen, Tauziehen, Torwandschießen und Kutschenfahrten. Vom 20.-22. September 1986 machte er eine Fahrt nach Bärental im Schwarzwald. Am 24. September 1989 ging der Ausflug nach Wertheim zum Mutterhaus des Frankensteinschen Ordens, am 9. Juli 1994 nach Fulda, am 26. Juni 1999 zum Schloss Fürstenau in Steinbach, zur Einhardsbasilika und nach Erbach und am 27. August 2005 an die Mosel.

Im Dezember 1992 verfasste Irmtraud Mielchen ein Gedicht auf den Kirchenchor, das das Leben und wirken des Evangelischen Kirchenchores beschreibt:
„Es gibt in der Weidbacher Kirchengemeinde viele Anhänger und Freunde
und auch unseren Kirchenchor, / mit Stimmen aus Sopran, Bass, Alt und Tenor,
wir sind ein fröhlicher, christlicher Kreis, / und ein jeder von uns weiß, / dass die Gemeinschaft wichtig ist, / zu verkündigen die Lieder von Jesus Christ.
Herr Koch stimmt mit uns die Lieder an, / die Gesangstunde beginnt mit einem Kanon und dem Sopran, / Tenor und Bass folgen so dann, / zum Schluss kommt auch der Alt noch dran.
Bei Herrn Koch, unserem Dirigenten, / sind wir in den besten Händen. / Seit 25 Jahren dirigiert er unsern Chor, / mit sehr viel Charm, Freude und Humor.
Die Singstimmen und Lieder sind wunderschön, / manch Fußgänger bleibt vor dem Gemeindehaus stehn, / um zu lauschen dem lieblichen Klang, / der hinausweht durch den Gesang.
Manfred Jekel ist unser Kirchenchorleiter, / er hilft uns zu erklimmen die erfolgreiche Leiter, / durch seine große Beständigkeit. / Seine Stärke ist das Organisieren, / und wir können daraus profitieren. / Wenn der Manfred mal nicht kann, / tritt für ihn die Erna an.
Viele Ständchen wurden gesungen. / Wir gingen auf Reisen und es ist uns gelungen, / zu bleiben ein großer, fröhlicher Kreis, / mit Alt und Jung, durch Einsatz und Fleiß, / zu jeder Zeit, bei Wind und Regen, / denn über uns steht Gottes Segen.“

Frank Rudolph


Literatur:
Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Niederweidbach (Zeitungsartikel, handschriftliche Aufzeichnungen, usw.).
Blankenburg, W.: Art.: Kirchenchorwesen. In: RGG3 3, 1416-1417.
Schwarz, Dieter: Die Geschichte der Evang.-Luth. Kirchengemeinde Niederweidbach, in: Interessengemeinschaft Weidbacher Vereine e.V. (Hg.): 802-2002. Weidbach 1200 Jahre. Ein Heimatbuch, Marburg: Druckhaus Marburg, 2002, 36-60.
Jekel, Manfred; Schwarz, Dieter: 50 Jahre Kirchenchor Niederweidbach, in: Dieter Schwarz (Hg.): 500 Jahre Marienkirche zu Niederweidbach, Wetzlar: Wetzlardruck, 2001, 95f.
Rudolph, Frank: Neue Strukturen für den Kirchenchor. In: Miteinander. Gemeindebrief der Evangelischen Kirchengemeinde Niederweidbach. Mai bis Juli 2005, Nr. 42, 22.