StartseitePublikationenRedenKirchenbauKindergartengeschichtePakete als FriedensbrückeGutes BenehmenKontaktFotokunst

Publikationen:

8. Mai - 60 Jahre Kriegsende

Restaurierung der Pfarrscheune

Kleine Jubiläen 2005

Kleine Jubiläen 2006

Kleine Jubiläen 2007

Kleine Jubiläen 2008

Kleine Jubiläen 2009

Die drei Rossbacher Kirchen

Unser Marienaltar nach der Restaurierung

Die Vorgeschichte des Paul Schneider Freizeitheims

Nachruf für Margarete Schneider

Mission und Missionsfeste in Niederweidbach

Hagelschlagstag 2006

60 Jahre Kirchenchor

Der Seegottesdienst am Aartalsee

Nachruf für Edmund Dittmann

Johannes Calvin

Martin Bucer

475 Jahre Kirchengemeinde Niederweidbach

Neues zur Marienkirche

100 Jahre Ev. Gemeindehaus I

100 Jahre Ev. Gemeindehaus II

Roßbach

Wilsbach

Abendmahlsfrömmigkeit

Allgemein:

Startseite


Pressemitteilung des Evangelischen Kirchenkreises Wetzlar vom 28.12.2002.


Der Evangelische Kirchenkreis Wetzlar trauert um Margarete Schneider, die Witwe von Pfarrer Paul Schneider. Margarete Schneider starb am 27. Dezember 2002 im Alter von 98 Jahren in einem Pflegeheim bei Liederbach in der Nähe von Höchst. Ihr Mann Paul Schneider (1897-1939) war von 1926 bis 1934 Pfarrer in Dornholzhausen und Hochelheim. Er war der erste evangelische Pfarrer, der als Gegner der Nationalsozialisten und Pfarrer der Bekennenden Kirche als Märtyrer im KZ Buchenwald hingerichtet wurde. Margarete Schneider war 13 Jahre lang mit Paul Schneider verheiratet. Sie wäre am 8. Januar 2003 99 Jahre alt geworden. Ihre Beerdigung findet am 4. Januar 2003 um 13 Uhr auf dem Friedhof in Dickenschied statt.

Superintendent Rainer Kunick, Wetzlar, hat Margarete Schneider kennengelernt, als er auf dem Hunsrück Pfarrer war. Ihn hat beeindruckt, wie sie fest im Glauben stand und ruhig über ihre schlimmen Erlebnisse im Nationalsozialismus sprach. Pfarrer Karl-Ernst Platt, Vorsteher des Königsberger Diakonissen Mutterhauses, der von 1985 bis 1999 in Hochelheim Pfarrer war und sie oft traf, schildert sie als „geistlich starke Frau“.

Margarete Schneider war Mutter von sechs Kindern. Sein jüngstes Kind hat Paul Schneider nie gesehen. Zwei der vier Kinder kamen in den 60er Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Nach der Hinrichtung ihres Mannes hatte die Witwe nicht noch einmal geheiratet. Nach Jahren in Württemberg, wo sie die kirchliche Frauenarbeit nach dem Krieg mit aufbaute, zog sie wieder nach Dickenschied auf dem Hunsrück, wo ihr Mann bis zu seiner Verhaftung 1937 Pfarrer gewesen war. 1948 hat sie die erste Biographie ihres Mannes herausgegeben mit dem Titel „Der Prediger von Buchenwald“. Bis vor wenigen Jahren hat sie als Zeitzeugin durch Vorträge über ihre Erlebnisse und die Zeit des Nationalsozialismus Aufklärungsarbeit betrieben. Margarete Schneider war eine kontaktfreudige Frau mit Ausstrahlungskraft und Persönlichkeit. Sie engagierte sich stark in der Evangelischen Frauenhilfe.

Margarete Schneider erhielt im Jahr 2000 das große Verdienstkreuz des Verdienstsordens der Bundesrepublik Deutschland aus der Hand von Ministerpräsident Kurt Beck. In der Ordensbegründung wurde sie gewürdigt als eine Frau, „die sich mit großer Verantwortung unermüdlich und mutig für Recht und Demokratie, Gemeinsinn und Brüderlichkeit in der Bundesrepublik Deutschland und darüber hinaus eingesetzt“ hat. Sie wurde auch deshalb geehrt, weil sie „durch ihre über 40 Jahre lang gepflegte Verbindung zu Menschen in der ehemaligen DDR zur Einheit Deutschlands einen wichtigen Beitrag geliefert“ hat. Pfarrer Paul Schneider war in der DDR eine Symbolfigur, die bedrängte Christen in der DDR stärkte. Für ihr kirchliches Engagement wurde ihr 1999 die Johannes-Brenz-Medaille der Evangelischen Landeskirche in Württemberg verliehen. Sie ist Ehrenbürgerin von Dickenschied und Ehrenmitglied der Pfarrer-Paul-Schneider-Gesellschaft.

Im Evangelischen Kirchenkreis Wetzlar und in den Kirchengemeinden Hochelheim und Dornholzhausen ist die Erinnerung an sie und ihren Mann noch sehr lebendig. Margarete Schneider und ihre Familie haben bis heute den Kontakt zu Hochelheim und Dornholzhausen gehalten, obwohl sich das Presbyterium 1934 nicht hinter seinen Pfarrer gestellt hatte sondern die Versetzung unterstützte. Sie hat die Frauenhilfe Dornholzhausen 1928 mitbegründet und 1929 die Frauenhilfe in Hochelheim. Paul Schneider engagierte sich in der Jugendarbeit in den beiden Dörfern und gründete Bibelkreise, die sich im Pfarrhaus trafen. Margarete Schneider unterstützte ihren Mann und stand zu seinen Gewissensentscheidungen. Nach seiner Strafversetzung 1937 standen die Frauenhilfe und die Evangelische Gemeinschaft hinter ihrem Pfarrer. Rund 50 Hochelheimer Frauen schrieben an das Konsistorium mit der Bitte, Pfarrer Schneider wieder zurück zu versetzen.

Bis in die 90er Jahre kam Margarete Schneider häufig nach Hochelheim und Dornholzhausen. Sie war dabei, als 1989 das Evangelische Gemeindehaus in Hörnsheim-Hochelheim in „Paul-Schneider-Gemeindezentrum“ umbenannt wurde. 1997, beim 100. Geburtstag ihres Mannes, war sie bei der Feier zugegegen. Die Enthüllung der Gedenkplakette an der Dornholzhäuser Kirche erlebte sie mit. Bei der 90-Jahr-Feier der Frauenhilfe Hochelheim 1999 war sie dabei. Das Paul-Schneider-Freizeitheim der Evangelischen Kirchenkreise Wetzlar und Braunfels in Dornholzhausen erinnert an ihren Mann.

Paul Schneider wuchs in Hochelheim auf, da bereits sein Vater hier Pfarrer war. Am 30. Januar 1925 wurde er vom Superintendenten des Kirchenkreises Wetzlar ordiniert, bevor er als Hilfsprediger nach Essen ging. 1926 kam er zurück, da sein Vater verstorben war und die Gemeinde ihn als Nachfolger gewählt hatte. Am 4. September 1926 wurde er eingeführt. Er hatte bereits im Sommer 1932 den Allmachtsanspruch der Nationalsozialisten erkannt und sich seit 1933 von der Kanzel gegen diese Ersatzreligion geäußert. 1932 beschwerte sich die Gauleitung Frankfurt am Main zum ersten Mal beim Superintendenten des Kirchenkreises Wetzlar über ihn. Paul Schneider schloß sich der Bekennenden Kirche an. Nach den offenen Auseinandersetzungen mit den Nationalsozialisten 1933 wurde er am 28. Januar 1934 auf Betreiben der Partei beurlaubt und nach Dickenschied versetzt. Bis 1936 lud die Gestapo Schneider immer wieder vor und nahm ihn mehrmals kurzzeitig in Haft. Weil er an seiner kirchentreuen Haltung festhielt, wurde er im November 1937 nach seiner vierten Verhaftung in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert. Sooft er es konnte, rief und predigte er aus seinem Zellenfenster zu den Häftlingen oder der SS hinaus, wofür er jedesmal gefoltert wurde. Die Wachmannschaften ermorden ihn schließlich in der Nacht zum 18. Juli 1939 mit einer Giftinjektion. Seine Beisetzung in Dickenschied wurde zu einer Demonstration gegen das nationalsozialistische Regime.